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Die Liebe zum Vater unseres Herrn Jesus Christus griff in jener Gegend weit und breit wie eine Feuersglut um sich. Viele gaben das Leben in der Welt auf und beugten ihres Herzens Nacken unter das sanfte Joch des Erlösers. Da begann der Priester einer benachbarten Kirche, Florentinus (...), vom boshaften Erbfeind aufgestachelt, aus Eifersucht das Auftreten des heiligen Mannes mit neidvollen Augen zu betrachten. (Dial. II,8)

Der Priester Florentinus versuchte zunächst durch üble Nachrede, dann durch ein vergiftetes Brot, den Segensstrom, der von Benedikt ausging, zum Stillstand zu bringen. Als beide Versuche missglückten, ging er so weit, dass er junge Frauen zum Kloster brachte, die dort ihre Körper zur Schau stellten, um – wenn nicht Benedikt – so doch wenigstens seine Jünger in Verwirrung und zu Fall zu bringen. Benedikt war in Sorge um seine Brüder, obwohl er wusste, dass der Angriff ihm galt. In dieser Erkenntnis folgte er wieder dem Ruf Gottes. Er macht  sich noch einmal auf den Weg und löste sich erneut von allem, um sich noch enger an Christus zu binden. Auch der Tod des Priesters, der äußere Anlass für das Fortgehen war, konnte ihn nicht zur Rückkehr bewegen. Die einzelnen Klöster in Subiaco vertraute er von ihm eingesetzten geistlichen Vätern an und zog selbst mit einigen wenigen Mönchen in südlichere Richtung auf den Monte Cassino.

Bereits in vorchristlicher Zeit war der Monte Cassino zwischen Rom und Neapel Ort eines heidnischen Heiligtums. Obwohl bereits zweihundert Jahre vergangen waren, seitdem der erste römische Kaiser, Konstantin, sich zum Christentum bekehrt hatte, stand auf dem Berg, den Benedikt sich als den Ort neuen Beginns erwählte, noch immer das Heiligtum einer heidnischen Gottheit. Die Überlieferung nennt das Jahr 529 als Zeitpunkt für den Anfang benediktinischen Lebens auf dem Monte Cassino. Es ist das Jahr, in dem die platonische Akademie in Athen – die Hochschule der Antike – ihre Pforten schloß. „Als der heilige Mann fortzog, wechselte er zwar den Wohnsitz, nicht aber den Feind“ (Dial. II, 8), sagt Papst Gregor gleich in einer Überschrift, ehe er zu erzählen beginnt, was der Gottesmann auf dem neuen und für seinen Lebensweg letzten Ort alles erlebte. Von Anfang an ist es ein Kampf wider den Bösen, den Benedikt führt, und je mehr er kämpft, um so mehr wird er zum Mann des Gebets, wird er zum Mann Gottes, zum Gesegneten, der dort auf Gottes Hilfe baut, wo sich andere auf eigene Kräfte verlassen, der segnet, wo andere fluchen.

Als erstes riß der Abt von Monte Cassino die alten Kultstätten nieder, baute zwei Oratorien und weihte das eine Johannes dem Täufer, das andere Martin von Tours. Er wusste aber auch, dass es damit nicht getan ist, und begann, den Menschen der Umgegend Christus zu predigen. Was in Subiaco bereits begonnen worden war, setzte Benedikt in Monte Cassino fort und gab seinen Söhnen und Töchtern durch die Jahrhunderte das Beispiel der Missionierung in jener fruchtbaren Verbindung von Wort und Tat. Solches Tun des hl. Benedikt veranlasste den Widersacher zu erneuten Angriffen, „Die der Feind aus eigenem Antrieb begann, durch die er aber entgegen seiner Absicht jenem Gelegenheit zu Siegen gab“ (Dial. II, 8). Schwierigkeiten zeigten sich beim Bau des Klosters. Der Versuch, einen Felsblock wegzurücken, hemmte die Bauarbeit. Benedikt fand eine Lösung, durch die der gewaltige Stein aus dem Weg geräumt werden konnte. Die Mönche, Bauherrenstolz im Herzen, errichteten Mauern, die wieder zusammenbrachen und einen jungen Bruder unter sich begruben. Benedikt wandte sich betend an Gott, um den unter den Trümmern verschütteten Jungen zu heilen und ihn wieder zu den arbeitenden Brüdern zurücksenden zu können. Vom bösen Feind getäuscht, sahen die Brüder eine Feuersbrunst, wo lediglich einige Funken sprühten. Da öffnete Benedikt seinen Söhnen die Augen und befreite sie von jener ängstlichen Nervosität, die vergessen lässt, dass es der Herr ist, der das Haus baut.

Nachdem der äußere Aufbau trotz vieler Widerstände mit Gottes Hilfe doch gelungen war und Benedikt daran ging, seine zunächst kleine, aber ständig wachsende Gemeinde zu festigen, verlegte auch der Böse seine Anschläge auf die Mönche und stiftete Verwirrung, wo immer es ihm möglich erschien. Das Auge des Mönchsvaters erkannte, wo Gefahr drohen konnte und wies die Seinen bereits da zurecht, wo das Laster seinen Anfang nahm.So sehr Benedikt sich auch zuerst um seine Brüder kümmerte, wusste er sich doch auch verantwortlich für die Menschen, die in der Umgebung des Klosters wohnten. Er sorgte sich unter anderem um Gemeinschaften von Frauen und veranlasste, „dass regelmäßig Brüder zu ihnen gingen zu Zuspruch und Erbauung“ (Dial. II, 19).

Ähnlich half Benedikt vielen Menschen in geistlicher wie materieller Not. In Zeiten des Hungers und der Missernte wusste er Hilfe durch kluge Wirtschaft, verstand so Getreide und Öl zu teilen, dass niemand hungern musste, aber auch niemand im Überfluss lebte. Immer wieder predigte er denen, die Christus nicht kannten, tröstete jene, die den Tod eines lieben Menschen beklagten, und heilte, wenn menschliche Heilkunst versagte und nur noch die Kraft des Gebetes helfen konnte. In jener Furcht, die der Anfang der Weisheit ist, erzitterte er auch nicht vor dem gewaltigen König Totila, dem er ohne Hemmungen seine Untaten vorwarf und sein Ende vorhersagte.

Insgesamt zeichnet der hl. Gregor in dem Teil seiner Bendiktsvita über die Jahre in Monte Cassino das Bild eines Abtes, wie der Autor der Regel selbst ihn sich vorstellt. Er ist der treusorgende Hirt der ihm anvertrauten Herde, der weise Lehrer, der „alles Gute und Heilige mehr durch Taten, als durch Worte“ (RB 2,12) zeigt. Er ist der gütige Vater, welcher „Barmherzigkeit vor Recht“ (RB 64,10) übt und allen seinen Söhnen „gleiche Liebe“ (RB 2,22) entgegenbringt. Die liebende Sorge des Hirten, Lehrers und Vaters ließ Benedikt die Regel, jene die Jahrhunderte überdauernde und bis heute nicht veraltete Lebensordnung, schreiben. Die reiche Erfahrung eines Mannes mit allzeit offenen Augen und hörendem Herzen vereinigt sich darum zu einem ganzheitlichen Entwurf.

In seiner Jugend in Nursia und Rom, in den Jahren des Suchens in Enfide, in Vicovaro, in den Jahren äbtlichen Dienstes in Subiaco und zuletzt in Monte Cassino hatte Benedikt manche Lebensformen erleben und erproben können. Aus der Fülle dessen, was er kennen gelernt hatte, hob er am Abend seines Lebens die Schätze, die ihm wertvoll genug erschienen, weitergegeben zu werden. Er verband sie mit dem, was er selbst im täglichen Miteinander und im steten Nachsinnen über das Wort der Heiligen Schrift gelernt hatte, zu der Regel, die Gregor der Große als „einzigartig in weiser Mäßigung, lichtvoll in ihrer Darstellung“ (Dial. II,36) charakterisiert. Obwohl zunächst konkret für Monte Cassino geschrieben, ist der Regel doch eine Allgemeingültigkeit eigen, die von der Herzensweite ihres Verfassers ein beredtes Zeugnis gibt.

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