Das Osterfest

Huldvoll erschien der Herr im Traumgesicht einem Priester, der etwas weiter weg wohnte. Dieser hatte sich auf Ostern ein Mahl bereitet. Der Herr sagte zu ihm: „Du machst dir ein Festmahl, und mein Diener da draußen vergeht vor Hunger.“ Der Mann erhob sich sogleich und machte sich am Osterfest selber mit den Speisen, die er für sich hergerichtet hatte, auf den Weg zur bezeichneten Stelle. In steilen Schluchten, an Hängen und auf schwierigen Wegen suchte er den Mann Gottes und fand ihn zuletzt in seiner Grotte verborgen. (Dial. II,1)

In der Begegnung mit dem Priester erfährt der spätere Mönchsvater Ostern: „Ja, heute ist für mich Ostern, weil ich das Glück hatte, dich zu treffen.“ (Dial. II,1). Dabei lernte Benedikt, dass der einzige angemessene Ort für die Gottsuche die Kirche ist und dass getrennt von der Kirche Christsein nicht gelebt werden kann. Auch Anachoretentum kann nur dann Frucht bringen, wenn es eingebunden bleibt in die Kirche, in den Leib Christi.

Was an jenem Ostermorgen geschah, ist so groß, dass es – wie kein anderes Ereignis im Leben des Heiligen – Niederschlag in der Mönchsregel gefunden hat. Ostern ist das zentrale Fest im Leben nach der Regel, eine Fastenzeit ist das Leben der Mönche hin auf dem Weg zu jenem Osterfest, das kein Ende mehr kennt.

Der Priester hatte mit Benedikt gebetet und gegessen. Gemeinsames Gebet und gemeinsames Mahl werden die Struktur für den Tagesablauf in der Regel bestimmen. Von diesem Osterfest an war das Leben des einsamen Gottsuchers verändert. Aber Benedikt musste erfahren, dass ein Leben in der Verbindung mit Christus stets auch Teilhabe an seinem Kampf gegen das Böse ist. Nur in solcher Sicht kann jene Begebenheit verstanden werden, von der Papst Gregor berichtet: Benedikt erinnerte sich an frühere Bindungen. Die Liebe zu einer Frau, die er einmal gesehen hatte, wurde wieder lebendig. In sich selbst musste Benedikt einen schmerzvollen Kampf bestehen, aus dem er geläutert hervorging. Fortan galt für ihn „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ (RB 4,21). Nachdem Benedikt diese Versuchung überstanden hatte und in ihr gereift war, waren auch die Voraussetzungen gegeben, anderen väterlicher Helfer zu sein auf der Suche nach Gott und im Erlernen der Liebe zu Christus.

Häufig kamen jetzt rat- und hilfesuchende Menschen zu dem jungen Eremiten. Zunächst waren es die Hirten und Bauern, denen er das Evangelium erklärte, bis sich schließlich sein Ruf verbreitete und die Asketengemeinschaft von Vicovaro bat, ihn als Abt vorzustehen. Da Benedikts Vorstellungen der dortigen Gemeinschaft widersprachen, kam es bald zu schweren Zerwürfnissen, und Benedikt entschloss sich, in seine geliebte Einsamkeit zurückzukehren. Dort sammelten sich in dieser Zeit erste Schüler um ihn. Für sie baute und organisierte er in Subiaco mehrere kleinere Klöster, die alle unter seiner Oberleitung standen. Männer verschiedenster Herkunft und Bildung schlossen sich dem Mönchsvater an, was manche Schwierigkeiten mit sich bringen mochte. Benedikt aber gelang es stets aufs neue, Einheit zu schaffen, den guten Eifer zu wecken, die Blindheit der Herzen zu heilen und Angriffe des Bösen zu entlarven und zu überwinden.

Nur wenige der ersten Mönche, die unter Benedikts Leitung standen, sind uns durch die Dialoge Gregors bekannt. Maurus und Placidus stehen stellvertretend für viele. An ihnen wird deutlich, dass in einer vom Evangelium geprägten Gemeinschaft Menschen unterschiedlichen Charakters und verschiedener Begabung einmütig miteinander leben können. 

Bei der Betrachtung des Lebens in Subiaco zeigt der Seelsorger Gregor auch, was die Macht des Gebets bewirkt. Er zeichnet Benedikt als einen Mann des Gebets, der alles, was ihn bewegt, vor Gott trägt.

Von Benedikt, dem Gesegneten, ging Segen aus. Das erregte den Neid und Missgunst, so dass der Mönchsvater einmal den liebgewordenen Ort verlassen musste.


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