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(II,2,1) Eines Tages, als Benedikt allein war, nahte sich ihm der Versucher. Ein kleiner schwarzer Vogel, eine Amsel, flatterte ihm um das Gesicht und belästigte ihn zudringlich. Der heilige Mann hätte die Amsel mit der Hand fangen können, wenn er gewollt hätte. Er machte jedoch das Zeichen des Kreuzes; da flog der Vogel davon.

Kaum war der Vogel fort, überkam den heiligen Mann eine so heftige sinnliche Versuchung, wie sie ihm noch nie widerfahren war. Irgendwann hatte er eine Frau gesehen, die ihm der böse Geist jetzt wieder vor Augen führte. Durch das Bild ihrer Schönheit entfachte er im Diener Gottes eine solche Glut, dass sich das brennende Verlangen in seiner Brust kaum bändigen ließ. Fast hätte die Leidenschaft ihn überwältigt, und er war nahe daran, die Einsamkeit zu verlassen.

(II,2,2) Da traf ihn plötzlich der Blick der göttlichen Gnade, und er kehrte zu sich selbst zurück. Er sah in der Nähe ein dichtes Nessel- und Dornengestrüpp, zog sein Gewand aus und warf sich nackt in die spitzen Dornen und brennenden Nesseln. Lange wälzte er sich darin; als er aufstand, war er am ganzen Körper verwundet.

So heilte er durch die Wunden der Haut am eigenen Leib die Wunde der Seele; die Lust wurde zum Schmerz. Während sein Äußeres qualvoll, aber heilsam brannte, löschte er das verführerische Feuer im Innern. Er besiegte die Sünde, indem er das Feuer umwandelte.

(II,2,3) Seit dieser Erfahrung war die Versuchung zur sinnlichen Lust so überwunden, dass er sie nie mehr in sich verspürte, wie er später seinen Jüngern erzählte.

Von da an verließen viele die Welt und kamen zu ihm, um sich seiner Führung anzuvertrauen. Frei vom Übel der Versuchung, wurde er mit Recht Lehrmeister der Tugend. Schon seit Mose dürfen die Leviten vom 25. Lebensjahr an ihren Dienst tun, aber erst vom 50. Jahr an Hüter der heiligen Gefäße sein [vgl. Num 8,24-26].

(II,2,4) PETRUS: Der Sinn der angeführten Schriftstelle leuchtet mir zwar einigermaßen ein, dennoch bitte ich dich, sie mir ausführlicher zu erklären.

GREGOR: Wir wissen doch, Petrus, dass in der Jugend die sinnliche Versuchung wie ein Feuer brennt, nach dem 50. Lebensjahr aber ihre Glut allmählich erlischt. Die heiligen Gefäße aber sind die Herzen der Gläubigen. Solange also die Erwählten noch solcher Versuchung ausgesetzt sind, sollen sie unter der Leitung anderer stehen und dienen, das heißt sich in Gehorsam und Arbeit abmühen. Wenn aber mit fortschreitendem Alter das Herz ruhig geworden ist und die Glut der Versuchung nachgelassen hat, dann sind sie Hüter der heiligen Gefäße; denn sie sind fähig geworden, Menschen zu führen.

(II,2,5) PETRUS: Ich muss dir zustimmen. Du hast mir den verschlossenen Sinn dieser Schriftstelle eröffnet. Erzähle nun bitte die Lebensgeschichte des Gerechten weiter.