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(II,13,1) Der Bruder des Mönchs Valentinianus, den ich oben schon erwähnt habe, war Laie, aber er führte ein gottgeweihtes Leben. Um den Segen des Dieners Gottes zu empfangen und um seinen leiblichen Bruder zu besuchen, begab er sich jedes Jahr von seinem Wohnort zum Kloster und fastete dabei.

Eines Tages war er wieder auf dem Weg zum Kloster; da schloss sich ihm ein Wanderer an, der Verpflegung für unterwegs bei sich hatte.

Als sich die Zeit hinzog, sagte dieser: »Komm, Bruder, damit wir auf dem Weg nicht matt werden, wollen wir etwas essen!« Er antwortete: »Das tue ich auf keinen Fall; denn ich pflege immer zu fasten, wenn ich zum ehrwürdigen Vater Benedikt gehe.« Auf diese Antwort hin schwieg der Weggefährte eine Zeitlang.

(II,13,2) Nachdem sie ein Stück weitergegangen waren, forderte er ihn wieder zum Essen auf; dieser aber wollte nicht, da er entschlossen war, bis zum Ziel am Fasten festzuhalten. Der andere sagte nach dieser Einladung nichts und ging noch ein Stück weit mit, ohne etwas zu essen. Als sie den Weg fortsetzten, wurde ihnen das Gehen immer beschwerlicher, je mehr die Zeit vorrückte.

Da kamen sie zu einer Wiese mit einer Quelle und mit allem, was man sich für eine erholsame Rast wünschen konnte. »Schau«, sagte der Weggefährte, »da ist Wasser, eine Wiese und ein angenehmer Platz, wo wir uns stärken und ein wenig ausruhen können; danach werden wir mit neuen Kräften unseren Weg wohlbehalten zu Ende bringen.« Diese Worte und der Platz verlockten Ohr und Auge. Da ließ sich der Bruder des Mönchs Valentinianus bei der dritten Aufforderung überreden, er gab nach und aß.

(II,13,3) Am Abend kam er zum Kloster. Er trat vor den ehrwürdigen Vater Benedikt hin und bat ihn um das Segensgebet.

Doch sogleich hielt ihm der heilige Mann vor, was er unterwegs getan hatte: »Was ist denn mit dir, Bruder? Der Alte Feind, der durch deinen Weggefährten zu dir gesprochen hat, konnte dich beim ersten Mal nicht überreden, auch beim zweiten Mal nicht; aber beim dritten Mal gelang es ihm. Er hat dich besiegt und dir seinen Willen aufgezwungen.«

Da wurden ihm sein Versagen und seine Willensschwäche bewusst; er warf sich Benedikt zu Füßen und beweinte seine Schuld. Seine Scham war deshalb so tief, weil er erkannte, dass sein Fehler zwar in der Ferne, aber dennoch vor den Augen des Vaters Benedikt geschehen war.

(II,13,4) PETRUS: Ich sehe, im Herzen des heiligen Mannes wohnte der Geist des Elischa, der seinem Schüler in der Ferne ganz nahe war [vgl. 2Kön 5,26].

GREGOR: Petrus, schweige noch etwas; dann wirst du Größeres erfahren.