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Anmerkiung: Der Dialog war die damals traditionelle literarische Form. Hier spricht Papst Gregor mit seinem Diakon Petrus.


(I,1) Eines Tages war ich völlig niedergeschlagen von der lautstarken Zudringlichkeit einiger Leute, die bei ihren Geschäften von uns Lösungen ihrer Probleme erwarten, wofür wir gar nicht zuständig sind. Da zog ich mich in die Abgeschiedenheit zurück, die mir in meinem Kummer schon oft gut getan hatte. Dort wurde mir der ganze Verdruss über meine Belastung deutlich, und ungestört konnte ich alle Ursachen meines Schmerzes auf einen Blick erkennen.

(I,2) Ich war ganz bedrückt, saß lange da und schwieg.
Da kam mein geliebter Diakon Petrus zu mir. Von früher Jugend an verband uns innige Freundschaft, und gemeinsam hatten wir uns in das Wort Gottes vertieft. Er merkte, dass schweres Leid mein Herz quälte, und fragte:
"Was ist dir denn wieder zugestoßen, dass du noch trauriger bist als sonst?"

(I,3) Ich antwortete:
"Der Kummer, Petrus, den ich Tag für Tag ertragen muss, ist mir altvertraut, da ich ihn beständig fühle, und doch neu, da er beständig wächst.
Von der Arbeitslast verwundet, denke ich Unglücklicher zurück: Wie gut ging es mir doch einst im Kloster! Alles Hinfällige lag weit unter mir, hoch stand ich über allem Wandelbaren, ich dachte nur an Himmlisches; noch an den Körper gebunden, überschritt ich in der Kontemplation die Grenzen des Irdischen und gewann den Tod, den doch fast alle als Strafe empfinden, sogar lieb, weil er das Leben eröffnet und unsere Mühen belohnt.

(I,4) Jetzt aber muss ich mich als Seelsorger um die Menschen in der Welt und ihre Anliegen kümmern. Wie schön war früher die Ruhe! Nun aber beschmutzt mich der Staub weltlicher Geschäfte. Wenn ich mich auf viele Menschen eingelassen und in Äußerlichkeiten verloren habe, finde ich trotz meiner Sehnsucht nach Innerlichkeit nicht mehr ganz zu mir zurück. So wäge ich ab zwischen Last und Verlust; blicke ich auf das zurück, was ich verloren habe, so wird mir das noch schwerer, was ich tragen muss.

(I,5) Du siehst, jetzt bin ich ein Spielball der Wellen auf einem weiten Meer, und mein Geist wird wie ein Schiff in einem heftigen Sturm hin und her geworfen. Wenn ich an mein früheres Leben denke, schaue ich gleichsam zurück und blicke voll Verlangen nach dem Ufer. Und was noch schwerer wiegt: Von den ungeheuren Fluten dahingetrieben, kann ich den Hafen, den ich verlassen habe, kaum mehr sehen.
Denn so geht es doch, wenn der Mensch innerlich verkommt: Zuerst verliert er das Gut, das er hat, wobei er noch den Verlust empfindet. Nach längerer Zeit vergisst er auch das Gut, das er verloren hat, und behält nicht einmal mehr in der Erinnerung womit er vorher sein Leben gestaltet hat. So kommt es, wie ich vorher gesagt habe: Wenn wir ziemlich weit hinausgefahren sind, können wir den Hafen der Ruhe nicht mehr sehen, den wir verlassen haben.

(I,6) Denke ich an das Leben einiger Männer, die diese Welt ganz entschieden verlassen haben, wird mein Schmerz manchmal noch größer Sehe ich dann, welche Höhe sie erreicht haben, erkenne ich, wie tief unten ich selber stehe. Viele von ihnen lebten im Verborgenen in Einklang mit dem Schöpfer. Der allmächtige Gott bewahrte sie vor den Mühseligkeiten dieser Welt, damit nicht durch die Verpflichtungen des Alltags ihr jugendlicher Geist alt werde."

(I,7) Um unser Gespräch besser wiederzugeben, will ich im folgenden Rede und Antwort durch die Namen der Gesprächspartner kenntlich machen.

PETRUS: Von einem Leben wundertätiger Männer in Italien ist mir wenig bekannt. Ich kann mir nicht vorstellen, an wen du denkst und wer dich so beeindruckt. Heilige Männer hat es bei uns sicher gegeben, doch ich meine, sie hätten entweder keine Zeichen und Wunder gewirkt oder diese seien verschwiegen worden; jedenfalls wissen wir nichts davon.

(I,8) GREGOR: Wollte ich von vollkommenen und bewährten Männern berichten, Petrus, was ich trotz beschränkter Möglichkeiten von guten und verlässlichen Zeugen gehört oder selbst erlebt habe, wäre der Tag schneller zu Ende als meine Erzählung.

(I,9) PETRUS: Erzähle mir bitte etwas davon! Du kannst dafür ohne weiteres die Schriftauslegung unterbrechen; denn die Erinnerung an solche Taten dient ebenso der Erbauung. Durch die Auslegung der Heiligen Schrift nämlich erfahren wir, wie die Tugend erworben und bewahrt wird, aus der Erzählung der Wunder aber erkennen wir, wie solche Tugend sich auswirkt. In vielen wird die Liebe zum himmlischen Vaterland eher durch Beispiele als durch Belehrung geweckt. Beispiele aus dem Leben der Väter zu erzählen, bringt meistens einen doppelten Nutzen: der Vergleich mit den Vätern begeistert den Hörer für die Liebe zum künftigen Leben, und wer meint, schon etwas zu sein, findet angesichts der Größe anderer zur Demut.

(I,10) GREGOR: Ich will ohne Bedenken erzählen, was ich von angesehenen Männern erfahren habe. Dabei bestärkt mich das biblische Beispiel von Markus und Lukas, die offensichtlich ihr Evangelium nicht als Augenzeugen, sondern aufgrund von Berichten verfasst haben.
Damit die Leser keinen Anlass zum Zweifel haben, werde ich jedes Mal meine Quellen genau angeben. Du sollst aber wissen, dass ich mich bei einigen Erzählungen nur an den Sinn halte, bei anderen auch an den Wortlaut. Denn wollte ich bei allen Personen ihre eigenen Worte genau wiedergeben, könnte die Schriftsprache das in der Umgangssprache Erzählte nicht in geeigneter Weise ausdrücken.

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